Ludwigsstadt
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Meldung vom Montag, den 05.10.2015

       

Getrennt, vereint, gemeinsam

Bei der Festveranstaltung „25 Jahre Deutsche Einheit“ (von links): der ehemaligeKronacher LandratWerner Schnappauf, Ludwigsstadts Bürgermeister Timo Ehrhardt, der ehemaligeKronacher Landrat HeinzKöhler, LandtagsabgeordneterJürgen Baumgärtner, Bundestagsabgeordneter Hans Michelbach, der Saalfeld-Rudolstadter Landrat Marko Wolfram, Autor RomanGrafe, der Landrat aus Trier-Saarburg, dem Partnerkreis von Saalfeld-Rudolstadt, Günther Schartz, Kronachs Landrat Oswald Marr und Regierungspräsident Wilhelm Wenning. Foto: BiancaHennings

Autor Roman Grafe fesselt die Besucher der Festveranstaltung „25 Jahre Deutsche Einheit“. Sein Vortrag geht unter die Haut. Alle anderen Redner haben da keine Chance mehr.

Ludwigsstadt – Es gibt Wörter und Wortgruppen, die werden schneller abgenutzt als ein Paar Schuhe. Für den Autor Roman Grafe ist „25 Jahre Deutsche Einheit“ so eine Formulierung. Sie ist in aller Munde, eine abgedroschene Phrase, die einen nicht spüren lässt, was für ein Wunder sich dahinter verbirgt. Deshalb lässt Grafe bei der Festveranstaltung des Landkreises Kronach am Freitag in der Hermann-Söllner-Halle in Ludwigsstadt Wörter lebendig werden, die Gefühle erzeugen. Unterdrückung, Einengung, Erschrecken, Gewalt sind fast körperlich spürbar. Roman Grafe hat für seine Festrede aus seinem Buch „Die Grenze durch Deutschland“ einige kurze Interviews mit Zeitzeugen ausgewählt, die von ihrem Leben und Leiden hüben wie drüben berichten. Seine Protagonisten spannen dabei den Bogen vom Bau der innerdeutschen Grenze Anfang der 1950er-Jahre bis zum Fall der Mauer im November 1989. „Was? Die Grenze wollen sie dicht machen? Da müssten sie alle zehn Meter einen Pfosten hinstellen.“ Das sagt Getrud Itting aus Probstzella im Mai 1952. „Wir waren abgeschottet vom Rest der Welt.“ „In den Zeitungen waren Schlagzeilen ‚Die Grenze brennt‘“. Damals holzt man für die Sperrzonen die Bäume ab und zündet sie an.

Nur ein paar Wörter, jedes für sich bedeutungslos, ohne großes Gefühl. Doch so, wie Roman Grafes Zeitzeugen sie sagen, wird das Schreckliche, was damals passiert ist, spürbar, erlebbar. Vor allem das Schicksal der damals 21-jährigen Sieglinde Bunde verdeutlicht, wie mörderisch diese Grenze war. Die junge Frau will am 22. Juni 1973 mit ihrem Verlobten Lazlo Balogh bei Spechtsbrunn in den Westen flüchten. Dabei tritt sie auf eine Mine. Die Detonation verrät die beiden. Lazlo Balogh wird erschossen. „Im Morgengrauen kamen wir an die Grenze... Als wir die Schilder ‚Vorsicht Minen‘ sahen, hab‘ ich gesagt: ‚Lazlo, entweder wir schaffen es oder wir sterben.‘“ Dem Paar gelingt es, den ersten Zaun zu überwinden. Vor dem zweiten reißt eine Mine Sieglinde Bundes Unterschenkel ab. Ihr Verlobter hilft ihr noch über den zweiten Zaun. Als er ihn selbst erklimmen will, fällt ein Schuss. Er stürzt auf die am Boden liegende Sieglinde Bunde. „Er lag mit dem Rü- cken auf meiner Brust und hat mich angestarrt. Ich hab‘ geschrien. Ich hab‘ versucht, ihm die Augen zuzumachen. Aber das ging nicht. Ich legte ihm mein Tuch über das Gesicht. Plötzlich war mir so, als ob sich das Tuch bewegte, als ob er atmete. Da hab‘ ich das Tuch wieder zur Seite gezogen. Für Momente hab‘ ich gedacht: Vielleicht lebt er doch noch. Ich wollte nicht wahrhaben, dass er tot war.“ Nach einer Viertelstunde fängt Sieglinde Bundes Bein an zu schmerzen. Der Grenzer, der Lazlo Balogh erschossen hat, steht vor dem ersten Zaun und zielt mit der Maschinenpistole auf die junge Frau. Auf der anderen Seite, im Westen, wollen zwei Grenzer wissen, was passiert sei. Sieglinde Bunde schreit, dass man ihren Verlobten erschossen habe. Die DDR-Soldaten herrschen sie an: „Halt die Schnauze. Halt’s Maul.“

All das sei nun Geschichte, sei vorbei, aber nicht vorüber, sagt Grafe. „Vereint sind wir.“ Der Ludwigsstadter Grenzpolizist Martin Weber, der auch in Roman Grafes Buch vorkommt, kenne die Gegend drüben nun fast so gut wie seine Heimat. Die Züge zwischen Berlin und München würden so selbstverständlich durch Probstzella sausen, als wäre es nie anders gewesen. „Die beinamputierte Sieglinde Bunde spürt täglich, was ihr an der Grenze bei Tettau angetan wurde. Wie ernst nehmen wir die Opfer des SED-Regimes? Lassen wir uns berühren? Hat unser Wissen Folgen? Oder bleibt es unverbindlich?“, fragt Grafe. Einer der Grenzsoldaten, der für den Tod an Lazlo Balogh mitverantwortlich sei, lebe seit Anfang der 1990er-Jahre in Ludwigsstadt. Er sei dafür nie zur Rechenschaft gezogen worden. Dass er nie bestraft wurde, dafür hätten die Nachfolger der SED gekämpft. Erst SED, dann PDS, später Die Linke – sie alle gingen mit dem Versprechen sozialer Gerechtigkeit auf Stimmenfang. Dass Die Linke in Thüringen nun den Ministerpräsidenten stellt, liege auch an der schlechten Wahlbeteiligung von 50 Prozent. „Dabei sollte man gerade in Thüringen die Demokratie schätzen“, wundert sich Grafe.

„Getrennt, vereint, gemeinsam“ lautet der Titel, den er seiner Festrede gegeben hat. Wer der Bedeutung des Wortes Einheit nachspüre, finde dort Verbundenheit, Unteilbarkeit. „Lassen Sie uns den Tag der Deutschen Einheit immer wieder neu begehen. Als Impuls für Gemeinschaftssinn, ohne den die Gesellschaft nicht bestehen kann“, mit diesem Wunsch entlässt Roman Grafe seine Zuhörer aus der brutalen Umklammerung, die seine Worte ausgelöst haben. Neben so einer Festrede verblassen alle anderen Ansprachen und Grußworte, gehalten von: Bundestagsabgeordnetem Hans Michelbach, Landtagsabgeordnetem Jürgen Baumgärtner, Regierungspräsident Wilhelm Wenning, Kronachs Landrat Oswald Marr, Saalfeld-Rudolstadts Landrat Marko Wolfram und Ludwigsstadts Bürgermeister Timo Ehrhardt. Wortgruppen wie „25 Jahre Deutsche Einheit“ können sich abnutzen. Aber wenn man ihnen die richtigen Wörter zur Seite stellt, können sie wieder strahlen – wie Schuhe, die man auf Hochglanz poliert. Und von denen man weiß, dass man nie wieder andere tragen möchte.

ZurPerson

Roman Grafe wurde 1968 im Nordosten der damaligen DDR geboren. Nachdem er bereits 1985 mit 17 Jahren einen Ausreiseantrag gestellt hatte, gelang es ihm schließlich, im Januar 1989 in die Bundesrepublik Deutschland überzusiedeln. Danach studierte er Journalistik in der Schweiz. Seit 1993 arbeitet er als Autor und freier Journalist unter anderem für die ARD und die Süddeutsche Zeitung. Seine Bücher behandeln vor allem die Geschichte der innerdeutschen Grenze und die Prozesse gegen die Mauerschützen und ihre Befehlsgeber

Verfasst von Bianca Hennings (Neue Presse, 5.10.2015)

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