Der Teufel und die schwarzen Knospen
Hör dir die Geschichte hier einfach an:
Du kannst sie hier auch selbst lesen oder dir vorlesen lassen:
Vor langer, langer Zeit besuchte einst der Teufel im Spätsommer die Erde, um sich bei allen Lebewesen Respekt zu verschaffen. Beginnen wollte er dabei mit den Bäumen.
Zuerst begegnete ihm die schlanke Birke. „Weißt du, wer ich bin?“, fragte der Teufel und seine dämonische Stimme ließ die Birke erzittern. „Weißt du, wer ich bin?“, wiederholte der Teufel und funkelte die arme Birke aus abgrundtief bösen Augen an. Nun erst konnte ihm der ängstliche Baum eine Antwort geben: „Ja, ich erkenne dich!“, stotterte die Birke. „Du bist der Teufel der Unterwelt!“, „Weshalb verneigst du dich dann nicht vor mir?“ Die grauenhafte Stimme des Teufels ließ die zierliche Birke erneut angstvoll erbeben, doch sie verneigte sich tapfer vor dem Teufel. Der aber lachte nur hämisch: „So gefällt es mir! Doch sei fürs nächste Mal gewarnt, hörst Du?“
Die anderen Bäume aber hatten, beinahe starr vor Angst, den Zwischenfall beobachtet. Und als der Teufel nun kam, um auch sie heimzusuchen, da brauchte er kein Wort mehr zu sagen, denn sein bloßer Anblick genügte, und alle Bäume, sei es nun Weide, Buche oder Ahorn, verneigten sich ehrfurchtsvoll, so tief sie nur konnten!
Als letztes traf der Teufel auf die alte Esche und wartete stolz auf ihre Verbeugung. Doch die Esche rührte sich nicht. „Na, willst du mich nicht auch begrüßen?“, fragte der Teufel ungeduldig. Doch die furchtlose Esche blieb wiederum stumm. „Verneige dich!“, schrie der Teufel nun zornig. Aufrecht und hoheitsvoll stand die Esche da und dachte nicht im Traum daran, dem Höllenfürsten auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Dieser aber explodierte fast vor Wut und stieß mit aller Kraft seinen Atem aus, solange bis die Esche von Höllenflammen nur so umringt war.
Entsetzt beobachteten die anderen Bäume, wie die Blätter der Esche im Nu verbrannten und ihre Knospen so schwarz wurden wie Ruß.
Die Esche aber stand noch immer stolz und aufrecht, denn die kleinen Blätter und Triebe in den Knospen blieben gottlob unversehrt und trieben im nächsten Frühjahr wieder neu.
Als der Teufel spürte, dass er gegen die Stärke der Esche nahezu machtlos war, machte er auf dem Fuße kehrt und fuhr zurück zur Hölle. Alle anderen Lebewesen dieser Erde jedoch blieben dank der mutigen Esche von seinem Zorn verschont.
Schwarze Knospen aber, die wie verrußt aussehen, trägt die stolze Esche als einziger Baum noch bis zum heutigen Tag.